Bedeutung Lernplattform

Wie halte ich es mit den Lernplattformen

Hintergrund

Beat Döbeli Hoegger stellte 2004 die These auf: "Keine heutige dynamisch interaktive E-Learning-Content-Management-Systemlernumgebung wird es in fünf Jahren noch geben. Darum keine komplexen Systeme verwenden!" (Beat Döbeli Honegger) Maik Riecken erörterte in einem Blogeintrag, warum er Lernplattformen kritisch sieht. Und last but not least kommt im Internet auf Twitter und anderen Plattformen, aber auch im persönlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen immer wieder die Diskussionen auf, welche Lernplattform denn heute im schulischen Alltag angesagt sei.

Seit nahezu 20 Jahren habe ich Erfahrungen mit schulischen Netzwerkenlösungen und diversen Lernplattformen gesammelt, gestartet in den neunziger Jahren mit BSCW über phproject als Groupwarelösung, Moodle, lo-net und Wiki, realisiert zunächst über Mediawiki, anschließend über pmwiki. Von den Funktionalitäten her ähneln sich die Lernplattformen stark. Ihr Anspruch: Unterstützung und Bereicherung des Lernens durch diverse digitale Werkzeuge.

Im Ergebnis sind Lernplattformen immer Spiegelbilder des geschlossenen Klassenraums, quasi der virtuelle Nachbau der schulischen Realität. Sie stellen sich häufig als hierarchische und autoritäre Systeme dar, bei dem ein Admin bestimmt (wieso und warum auch immer), was der Einzelne darf und nicht darf inklusive detaillierten Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten.

Das Internet ist dezentral

Das Internet ist dagegen vom Ursprung her genau das Gegenteil, eher demokratisch und partizipativ. Richte ich den Fokus auf die Lernenden, zeigt die schulische Wirklichkeit, dass jeder Lernende durch die Smartphonenutzung per se verfügt über

  • eine E-Mailadresse
  • einen eigenen Cloudspeicher
  • ein eigenes Office (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation) und
  • die Möglichkeit, eigene Produkte zu teilen.

So wie wir in der analogen Schülerwelt zurecht darauf verzichten, den Schülerinnen und Schülern Schulhefte, Kugelschreiber, Bleistifte oder Locher zur Verfügung zu stellen, stellt sich die Frage, warum wir ihnen virtuelle Werkzeuge wie eine schulische E-Mailadresse oder einen Speicherplatz für ihre Arbeitsergebnisse und digitalen Arbeitsblätter bereitstellen sollen.

Als Berufskolleg mit mehr als 3000 Lernenden haben wir uns immer dagegen ausgesprochen, Schülerinnen und Schüler mit E-Mailadressen zu versorgen. Nach unserer Einschätzung gehört es zur Medienkompetenz der Lernenden, sich ihre eigene personale Lernumgebung (PLE) zu erstellen und medienkompetent zu nutzen.

Und an dieser Stelle fängt nach meinen unterrichtlichen Beobachtungen das Problem an - Lernende nutzen ihr Smartphone, wissen aber im Regelfall nicht, dass sie damit über eine (weitere) E-Mailadresse, Cloudspeicher etc. verfügen. Typische Beobachtung: Sie kennen nicht das Passwort. Sie wissen nicht, wie man analoge Medien digitalisiert und verwaltet, wie man sichere Passwörter erstellt und vor allem auch verwaltet, wie man effektiv Notizen und Unterrichtsmaterialien verwaltet, wie man Unterrichtsinhalte sachgerecht strukturiert oder präsentiert. QR-Scanner = Neuland, laminierte Lernhilfen, Wandplakate und Flipcharts feiern weiterhin fröhlich ihre Existenz.

Wie sieht es bei den Lehrinnen und Lehrern aus? Sie haben zunächst einmal die gleiche Arbeitsumgebung, von der sie auch nur recht wenig wissen. Eigentlich alles analog. Dabei müssten sie aus medienpädagogischer Sicht noch mehr wissen und können. BYOD stellt hohe Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer, sie müssten Methoden beherrschen, Unterrichtsinhalte individualisiert zu sichern, kollaborativ zu erarbeiten und und und … Hier ließe sich noch viel schreiben.

Was brauchen wir?

Und für alles benötige ich zunächst einmal keine Lernplattform. Das einzige, was ich benötige ist eine Plattform, auf der ich mich austausche.

Was muss ich austauschen? Im Kern nur Links auf freigegebenen Materialien, Übungen etc., die Schüler oder Lehrer zur Verfügung stellen. Und hier kommt dann das Wiki zum Einsatz, da es nach meinem Eindruck das beste Werkzeug ist, wo man auch sprechende Links hinterlegen kann.

Will ich nun das Kollegium bei seinen Verwaltungsaufgaben und bei der Kollaboration unterstützen, brauche ich immer noch keine Lernplattform (i. S. einer Definition von Lernplattform passt das irgendwie auch nicht – so kenne ich nicht nur eine Schule, die Moodle zur Dokumentation schulischer Organisationsprozesse nutzt – ein Anachronismus.) Was aber unterstützend wirkt ist eine Dateiaustauschplattform. Hier hat sich bei uns die Cloudlösung bewährt. Eine an einem beliebigen Stichtag vorgenommene Analyse zeigte bei 124 Kollegen, dass 34 am Stichtag die Cloud genutzt haben, 57 in der vergangenen Woche und nur 5 die Cloud überhaupt noch nicht genutzt haben. Welches andere System kann solch eine Akzeptanz im Kollegium nachweisen?

Was benötigen wir also als Schule zur Wahrnehmung der Verwaltungsaufgaben? Ein datenschutzgerechtes Mailsystem (insofern passt Logineo), eine Cloudlösung wie z.B. die ucloud, eine Kalenderfunktion und ein Buchungssystem ergänzt auch hier um einen Wiki.

Alles andere ist Overhead. Hier passt eigentlich eine Analogie zur Textverarbeitungssoftware. Wieviel % nutzt der normale User von Word? Wenn es hoch kommt nach vielfacher Rückmeldung 25 %. Wer nutzt Moodle oder vergleichbares in der Schule? Der Wert liegt mit Sicherheit nicht höher.